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Die Rheinterrassen in Düsseldorf waren in diesem Jahr der Veranstaltungsort für die EHI Technologie Tage 2017 (Foto: EHI/Steffen Hauser)
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Datenstrukturen neu gedacht

Die Prozessautomatisierung im Handel durch die Anwendung von künstlicher Intelligenz war einer der Schwerpunkte des Zweitageskongresses. Der Trend, dass immer mehr Entscheidungen auf Basis selbstlernender Systeme vorbereitet oder getroffen werden, ist nach Einschätzung von Experten unumkehrbar. Prof. Dr. Michael Feindt, Gründer von Blue Yonder, einer der führenden Anbieter für KI-Lösungen für den Handel, ist davon überzeugt, dass 99 Prozent aller operationellen Entscheidungen im Handel in Zukunft vollautomatisch getroffen werden können – über intelligente Algorithmen, mit denen auch sehr komplexe Handlungsabfolgen optimiert werden können.

In der Warendisposition und Preisgestaltung bis hin zur Optimierung des Personaleinsatzes werden heute schon Entscheidungen durch künstliche Intelligenz vollautomatisch gesteuert. Als Beispiel nannte Feindt in seinem Vortrag die Optimierung der Anlieferung von Obst und Gemüse im Lebensmittelhandel. Die Automatisierung des Bestellprozesses führe zu treffsichereren Prognosen und im Ergebnis zu deutlich höheren Absatz-und Umsatzergebnissen. An KI führe in Zukunft kein Weg vorbei: „Keine KI ist keine Option“, unterstrich Michael  Feindt. Aktuell sei KI vor allem für größere Handelsunternehmen ab einem Jahresumsatz von 500 Mio. Euro gewinnbringend. Künftige Einsatzfelder sieht der Wissenschaftler neben der Supply Chain im Promotion- und Transportmanagement.

Roboter am POS

Der Einsatz von humanoiden Robotern wird derzeit in unterschiedlichen Anwendungsfeldern getestet, beispielsweise für die Zulieferung von Kleinteilen in der industriellen Produktion, den Kundenservice in Hotels und auf Kreuzfahrtschiffen oder für die Anlieferung von Wareneinkäufen an private Haushalte. Tim Schuster, CEO des Start-up-Unternehmens Humanizing Technologies, gab in seinem Vortrag Einblicke in aktuelle Praxisanwendungen im Einzelhandel. Mit mehreren Tausend Exemplaren ist der Roboter „Pepper“ – eine Entwicklung aus Frankreich, die von Humanizing Technologies vermarktet wird – am weitesten im Handel verbreitet. Bei Carrefour scannt „Pepper“ die Kundenkarten vor dem Einkauf und auch beim österreichischen Filialisten Merkur kommt der Roboter in ausgewählten Märkten als Marketing-Tool zum Einsatz. In 3 bis 5 Jahren soll „Pepper“ auch für andere Einsatzzwecke im LEH reif sein, glaubt Tim Schuster.

Es ist angerichtet: Vor dem Abendempfang im Düsseldorfer „Kesselhaus“
Es ist angerichtet: Vor dem Abendempfang im Düsseldorfer „Kesselhaus“

Media Markt Saturn testet in den Elektronikfachmärkten des Konzerns unterschiedliche Einsatzszenarien  von Robotern. Roboter „Paul“, seit einem Jahr am Hauptsitz in Ingolstadt live im Betrieb, kann seit Sommer auch Infos zu Angeboten in einzelnen Sortimentsbereichen und Services vermitteln und das Publikum unterhalten. „Pepper“ liefert ebenfalls Produkt- und Service-Informationen und soll ab Ende dieses  Jahres testweise  als Concierge am Empfang eingesetzt werden. In einem niederländischen Elektronikfachmarkt  führt Roboter „Trusty“ die Produkte eines Lieferanten auf und zeigt deren Lokation im Store an. In einem als Abholstore konzipierten Fachmarkt in Barcelona ermöglicht ein Roboter die Warenausgabe an die Kunden rund um die Uhr. Weitere Robotereinsätze erfolgen zur Unterstützung bei der Verpackung von Geschenken im Weihnachtsgeschäft (Schweden) und zum Transport von hochwertigen Waren zwischen Endkunde und Kassenzone (Belgien).

Ein Roboter, der die Kunden begrüßt und zum Produkt führt – was Media Markt bereits erfolgreich testet – kann sich Markus Guggenbühler von Manor im klassischen Warenhaus nicht vorstellen: Erstens passe zu viel Technik nicht zu den Erwartungen der Kunden. Zweitens funktioniere so ein Konzept technisch nur auf standardisierten Verkaufsflächen, nicht aber an den baulich sehr unterschiedlichen Manor-Standorten des Schweizer Handelsunternehmens.

Anders sehe es in der Logistik aus: Eine neue Robotics-Anlage im Versandlager hilft Manor, das E-Commerce-Wachstum zu stemmen. Auch auf der letzten Meile könnten Roboter den Lieferservice künftig ergänzen. Michael Feurich, CIO der Gerry Weber International AG findet: Spannend und dank flächendeckendem RFID-Einsatz gut umsetzbar wäre der Einsatz von Robotern für die permanente Inventur, zum Beispiel im Outlet-Store mit rund 65.000 Artikeln.

Zwar nicht im Store, wohl aber am Empfang in der Unternehmenszentrale würde Feurich einen freundlichen kleinen Roboter durchaus einsetzen, so wie das Modell „Pepper“ beim japanischen Medienkonzern Softbank. Auch Dr. Friedhelm Rudolph bekundete Gefallen: „Für eine Filialeröffnung würde ich Pepper als Attraktion sofort mieten“, so der Leiter IT und Controlling bei der Poco Einrichtungsmärkte GmbH. Allerdings ist die Option „Vermietung“ im Vertriebskonzept von Humanizing Technologies laut Tim Schuster derzeit nicht vorgesehen.

Digitale Dienste

Der traditionelle „Innovationsblock“ auf den EHI-Technologietagen beschäftigte sich mit dem Thema Instore Analytics. Mehr über die Kunden im Laden erfahren und ihnen digitale Services bieten: Dazu drängen immer neue Ideen und Anwendungen auf den Markt. So zeigte Kim-Van Blessin, Marketing-Managerin bei der Philips Lighting GmbH, wie über die LED-Lichtanlage die Position des Kunden im Store geortet und er über die auf seinem Smartphone installierten App zu einem gesuchtem Produkt navigiert werden kann. Mit dem „Projekt Tango“ von Google stellte Peter Krämer, Geschäftsführer von Cologne Intelligence, eine ähnliche Lösung vor. Dabei wird per RGB- bzw. Fish Eye Motion-Kamera die Store-Umgebung aufgenommen, die künstliche Intelligenz erlernt und aus den Bildinformationen ein Daten-Modell des Raumes entwickelt. Per App kann sich der Kunde die entsprechende Intelligenz auf sein Smartphone laden und damit im Shop navigieren.

Gute Laune auf der Abendveranstaltung: Horst Bauer (H.U.T.), Prof. Götz Werner (dm), Thomas Tillmann (Accesa), Harm Humburg (Ferrero), Horst Rüter (EHI)
Gute Laune auf der Abendveranstaltung: Horst Bauer (H.U.T.), Prof. Götz Werner (dm), Thomas Tillmann (Accesa), Harm Humburg (Ferrero), Horst Rüter (EHI)

Bessere Performance für die Instore-Werbung verspricht eine neue Anwendung der IDA GmbH. Sie nutzt Bildschirme mit eingebauten Kameras sowie eine Gesichtserkennungs-Technologie. Damit kann sowohl die Anzahl der Betrachter als auch deren Altersklasse und Geschlecht identifiziert werden. Auf dieser Grundlage können in Echtzeit die passenden Spots aufgespielt werden. „Die Stärke der Technologie entfaltet sich dann, wenn die Kunden sich in einer Wartesituation befinden, etwa am Servicepoint“, erklärte Ralph Razisberger, CEO der IDA Indoor Advertising GmbH.

Die Rewe Digital GmbH, Tochterunternehmen der Rewe Group, beschäftigt sich unter anderem mit der technologisch getriebenen Optimierung der Supply Chain. So wird mit Hilfe von Data Sience-Ansätzen versucht, die Ankunftszeit des Lieferservices beim Kunden möglichst exakt vorauszusagen. Rewe-Kunden können bei ihrer Online-Bestellung ein Zeitfenster von zwei Stunden festlegen, in dem sie beliefert werden möchten. Auf diesen Angaben baut die Tourenplanung auf. Diese Planung wird durch eine Prognose-Berechnung ständig aktualisiert: Bei jedem Update eines Fahrers zum Tour-Status (also der Übermittlung seines momentanen Standorts) werden die voraussichtlichen Ankunftszeiten bei den folgenden Kunden neu prognostiziert. Sobald das System eine Schwankungsbreite der Ankunftszeit von plus/minus 10 Minuten ausweist, wird der Kunde automatisch per SMS informiert. Nach einem Testlauf Ende 2016 in Köln geht die Lösung inzwischen in den Live-Betrieb. Auf den EHI-Technologietagen berichtete Rewe-Managerin Cordula Bauer, dass  der Kundenservice momentan in circa 40 Prozent des Bundesgebietes realisiert ist.

Internet ohne zentrale Provider

Blockchains sind nach den Worten von Dr. Shermin Voshmgir, Gründerin der Wissensplattform Blockchainhub, die treibende Kraft für die nächste Generation des Internets. Auf der Basis von Blockchains lassen sich nach Überzeugung der Wissenschaftlerin künftig viele Funktionen zentral organisierter Informationssysteme über Peer-to-Peer Netzwerke (Rechner-Rechner-Verbindungen) dezentralisieren. Blockchains würden künftig Relevanz haben für unterschiedliche Einsatzfelder. Neben Banken, dem Energiesektor und Versicherungsunternehmen zählten dazu auch der E-Commerce. Brauchen Handelsunternehmen heute schon Blockchains? Diese Frage beantwortete Voshmgir mit einem klaren „Nein“. Diese Technologie sei noch in den Kinderschuhen und es müssten noch viele technische Voraussetzungen erfüllt sein, bis es erste Netzwerkeffekte geben könne. Es stehe aber fest, dass sich die Technologie von den Servern wegbewegen werde und hin zu dezentralen Webs.   

Die nächsten EHI Technologie Tage finden am 7. und 8. November 2018 statt.

Fotos (8): EHI/Steffen Hauser

Weitere Informationen: www.technologie-tage.com