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Omikron
(Foto: Fotolia/ladysuzi)
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Noch viel Luft nach oben

Der Markt für mobile Bezahlvarianten ist zurzeit sehr dynamisch. Es ist daher nicht einfach, einen Überblick zu gewinnen, welche Lösungen in der Praxis funktional sind, welche überhaupt einer Mobile-Payment-Definition entsprechen,welche lediglich theoretisch funktionieren bzw. als Marketing-Fehlinformation „enttarnt“ werden können, welche Ansätze trotz (ehemaliger) Funktionsfähigkeit bereits wieder eingestellt wurden und für welche (eventuell mit Unterstützung neuer Investoren) ein Relaunch und damit ein Marktwiedereintritt vollzogen wurde.

Um hier einen Überblick zu verschaffen, wurde im Januar 2017 – ohne Anspruch auf Repräsentativität – von Studierenden der DHBW Heilbronn ein empirischer Praxistest in insgesamt 261 Handelsfilialen von 119 Unternehmen durchgeführt. Es wurde darauf geachtet, die wesentlichen Big Player der Lebensmittelhändler, der Bau- und Drogeriemärkte, der Elektronik-, Brillen-, Textil-, Schuh- und Möbelhändler sowie der Warenhäuser, Tankstellen, Kaffeeketten und Systemgastronomen in die Untersuchung einzubeziehen.

Momentaufnahme

Die zentralen Untersuchungsfragen für die (zum Teil anschließend wieder stornierten) Testeinkäufe war, ob und ggf. wie oder warum nicht mit einem Smartphone bezahlt werden konnte. Das geografische Untersuchungsgebiet erstreckte sich dabei aufgrund der Herkunft der Studierenden auf weite Teile Deutschlands mit einem deutlichen Schwerpunkt (166 POS) in der Postleitzahlregion 7. Dabei ist zu beachten, dass dieser Praxistest eine Momentaufnahme darstellt. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre vielleicht ein anderes Resultat möglich gewesen, zum Beispiel durch den Austausch einer nicht fachkundigen Kassenhilfskraft durch eine zu diesem Themenbereich geschulte Kassenfachkraft.

In 53 von 77 Fällen hat das Mobile Payment nicht funktioniert.
Ludwig Hierl
DHWB Heilbronn

Nach der Erfahrung der Testkäufer war es in 77 der 261 getesteten POS (rund 30 %) zumindest theoretisch möglich, mit dem Mobiltelefon zu bezahlen. Das bedeutet, dass an 184 POS (rund 70 %) die oben erwähnten Unwägbarkeiten keine Rolle spielten, das Bezahlen mit Smartphone also grundsätzlich nicht möglich war.

Von den 77 POS, die theoretisch bereits „ready“ für ein Mobile Payment waren, konnte in 24 Fällen (32 %) tatsächlich auch praktisch eine Bezahltransaktion mit einem Mobiltelefon durchgeführt werden. In 53 Fällen hat das Mobile Payment nicht funktioniert! Unter Berücksichtigung der 184 Fälle, in denen Mobile Payment grundsätzlich nicht angeboten wurde, ergab sich damit insgesamt eine Erfolgsquote von 9,2 Prozent von insgesamt 261 POS. Die Abbildung zeigt, wie sich diese 24 POS auf insgesamt zwölf Handelsunternehmen verteilen. Der zweite Filialzahlwert zeigt an, wie viele Filialen der jeweiligen Unternehmensgruppe insgesamt getestet wurden. In der Spalte „MP-Anwendung“ wird angeführt, mit welcher Lösung ein Mobile Payment geklappt hat. Die Anzahl der tatsächlich funktionalen Applikationen war mit Boon (von Wirecard), Edeka, Payback und Starbucks sehr überschaubar.

Überschaubar

Vor allem aufgrund der zahlreich und zumeist erfolgreich getesteten dm-Filialen erzielt die Payback-App das absolut gesehen beste Gesamtergebnis mit 15 positiven von insgesamt 24 Testergebnissen.

Demgegenüber erreichte die Starbucks-App das beste relative Ergebnis mit einer Trefferquote von 100 Prozent, das heißt an allen getesteten Starbucks-Standorten war eine Bezahlung mit dem Mobiltelefon möglich.

Eine Nebenerkenntnis dieser Untersuchung ist die Bestätigung, dass die Funktionalität des mobilen Bezahlens für Apple-Mobilgeräte in Deutschland angekommen ist. Die konzerneigene Applikation Apple Pay hat im Test zwar noch (immer) nicht funktioniert, und auch der Test einer Bezahlung mit Apple-Geräten in Verbindung mit beispielsweise der Applikation Boon (NFCVerfahren) hat noch nicht geklappt. Es gelang jedoch der Praxisnachweis, dass mit einem Apple-Smartphone in Verbindung mit der Payback-App und der QR-Technologie mobil bezahlt werden kann, sofern der Händler wie in diesem Fall dm Payback-Partner ist und das QR-Verfahren systemseitig unterstützt.

Bei 53 der 77 POS, bei denen das mobile Bezahlen theoretisch möglich sein sollte, scheiterte der Praxistest. Die häufigsten Ursachen einer praktischen Nicht-Funktionalität waren: nicht NFC-fähige Mobiltelefone der Tester, vor Ort noch nicht freigeschaltete Kassenterminals, sonstige technische Probleme sowie nicht geschultes bzw. nicht zur Unterstützung gewilltes Kassenpersonal. Vereinzelt hätte der erforderliche Registrierungsprozess länger gedauert als der Testzeitraum.

Mit der Studie konnte gezeigt werden, dass Mobile Payment bereits mit relativ vielen Smartphone-Modellen auch tatsächlich funktioniert, allerdings nur bei einigen stationären Händlern und nur mit wenigen Bezahl-Lösungen, sofern das Mobile Payment nicht verhindert wird durch unzureichend geschulte bzw. fürZahlungsmittel-Innovationen nicht empfängliche Mitarbeiter oder ein (temporäres) Technikversagen. Zudem muss der Konsument Mobile Payment kennen und bereit sein, dies in der Praxis zu testen.

Aufgrund dieser zahlreichen, kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen wird das Marktpotenzial in Deutschland derzeit noch nicht bei einer siebenstelligen Nutzerzahl gesehen. Sofern es gelingt, einzelne Parameter gezielt zu verbessern, könnte das Ergebnis bis zum Jahr 2020 allerdings auch zügig bzw. sprunghaft auf über eine Million Nutzer anwachsen. Bis dahin empfiehlt sich ein Blick nach China, wo Zahlungstransaktionen bei mehr als 900 Mio. Chinesen nahezu ausnahmslos über das Mobiltelefon erfolgen. Die Zahlungsmodalitäten sind bei Alipay und Wechat eingebettet in ein ganzheitliches System mit der Zielsetzung, dem Kunden einen möglichst bequemen Einkauf zu bieten.

Prof. Dr. Ludwig Hierl lehrt an der DHBW Heilbronn Accounting, Controlling sowie Investition und Finanzierung.

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Grafik: DHWB Heilbronn

Weitere Informationen: www.heilbronn.dhbw.de