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Omikron
Während die Zahl der einfachen Ladendiebstähle seit 1997 nahezu kontinuierlich gesunken ist, haben schwere Ladendiebstähle in den letzten 9 Jahren drastisch zugenommen. (Foto: Fotolia/Dan Race)
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Diebe werden immer dreister

Laut der aktuellen EHI-Studie „Inventurdifferenzen im deutschen Handel 2017“ sind die Inventurdifferenzen im deutschen Handel im Jahresvergleich 2016 zu 2015 bei den teilnehmenden Unternehmen in Prozent vom Umsatz leicht gesunken. Absolut gesehen, in branchengewichteter Hochrechnung für den gesamten deutschen Einzelhandel, bleiben die Inventurverluste jedoch aufgrund der Umsatzsteigerungen mit 4 Mrd. Euro auf dem gleichen Niveau wie im Jahr zuvor.

Das durchschnittliche Niveau der Inventurdifferenzen 2016 hat sich bei gleicher Grundgesamtheit - bewertet zu Einkaufspreisen in Relation zum Nettoumsatz - mit 0,57 Prozent gegenüber 0,59 Prozent in 2015 leicht verbessert. Bezogen auf die Vergleichswerte von 2015 haben sich die Inventurergebnisse in Prozentpunkten betrachtet in den meisten Branchen leicht positiv entwickelt. Dennoch schmälern die Bestandsdifferenzen die Renditen im Einzelhandel erheblich. Bewertet zu Verkaufspreisen in Relation zum Bruttoumsatz entspricht dies in branchengewichteter Hochrechnung einem Wert von durchschnittlich 0,98 Prozent des Umsatzes.

Zudem investiert der Handel jährlich rund 1,3 Mrd. Euro in Präventions- und Sicherungsmaßnahmen, um seine Waren vor Diebstählen zu schützen. Insgesamt gehen dem Handel damit durch Inventurdifferenzen und Investitionen in Sicherheitsmaßnahmen rund 1,3 Prozent seines Umsatzes verloren.

Im gesamten Einzelhandel summieren sich auf Basis eines stationären Einzelhandelsumsatzes von 410 Mrd. Euro pro Jahr in Deutschland die zu Verkaufspreisen bewerteten Inventurdifferenzen auf 4 Mrd. Euro. Nach Einschätzung der Experten aus dem Handel sind davon auf Ladendiebstahl durch Kunden rund 2,26 Mrd. Euro zurückzuführen. Den eigenen Mitarbeitern werden Verluste in Höhe von 820 Mio. Euro angelastet, Lieferanten und Servicekräften rund 300 Mio. Euro an Warenverlusten im Jahr.

Statistisch gesehen bedient sich jeder Bundesbürger im Einzelhandel jährlich an Waren im Wert von 27 Euro, ohne diese zu bezahlen. Auf den Lebensmittelhandel projiziert bedeutet dies, dass nach wie vor rund jeder 200. Einkaufswagen unbezahlt die Kasse passiert. Ein weiterer Posten der Inventurdifferenzen – 640 Mio. Euro – entsteht durch organisatorische Mängel wie zum Beispiel durch fehlerhafte Preisauszeichnung.

Entwicklung in den einzelnen Branchen

Der überwiegenden betrieblichen Praxis folgend wurden die Erhebungen – bewertet zu Nettoeinkaufspreisen in Relation zum Nettoumsatz (= Bruttoumsatz ohne Mehrwertsteuer) – erfasst. Als Orientierung können die folgenden Mittelwerte angegeben werden, obwohl ein direkter Vergleich von Inventurdifferenzen verschiedener Unternehmen nur bedingt möglich und sinnvoll ist: In allen Betriebsformen unterliegen die prozentualen Angaben vom Nettoumsatz großen Bandbreiten.

Jährliche Inventurdifferenzen im deutschen Handel von 4 Milliarden Euro.
Frank Horst
Leiter Forschungsbereich Inventurdifferenzen + Sicherheit EHI Retail Institute

Im Lebensmittelhandel liegen die durchschnittlichen Inventurdifferenzen bei 0,54 Prozent. Während bei Supermärkten bis 2.500 qm und bei großen Supermärkten bis 5.000 qm überwiegend eine Erhöhung der Inventurdifferenzen eingetreten ist, haben SB-Warenhäuser ebenso wie die übrigen, nicht im Detail dargestellten Unternehmen der Branche etwas geringere durchschnittliche Inventurverluste festgestellt.

Drogeriemärkte weisen mit durchschnittlich 0,79 Prozent Verlust konstante Inventurergebnisse aus, die sich auch in den einzelnen Unternehmen nur geringfügig verändert haben. Die beteiligten Baumarktunternehmen haben überwiegend schlechtere Inventurdifferenzen feststellen müssen, was sich in einer Steigerung des Branchendurchschnittswertes von 0,72 Prozent auf 0,75 Prozent im Jahr 2016 niederschlägt.

Im gesamten Bekleidungshandel sind die durchschnittlichen Inventurdifferenzen durchgängig leicht zurückgegangen auf 0,44 Prozent im Jahr 2016. Bekleidungsfachgeschäfte (0,43 %), Textilfachmärkte (0,36 %) und Schuhfachgeschäfte (0,44 %) konnten leichte Verbesserungen erzielen, während Textilkaufhäuser einschließlich der Warenhausbetreiber (0,49 %) durchweg deutliche Ergebnisverbesserungen festgestellt haben. Die durchschnittlichen Inventurdifferenzen der beteiligten Möbelhäuser unterschiedlichster Sortimentsausrichtung sind mit 0,32 Prozent vom Nettoumsatz unverändert geblieben.

Weniger Ladendiebstahl-Anzeigen

2016 sind die angezeigten Ladendiebstähle laut polizeilicher Kriminalstatistik um 3,3 Prozent zurückgegangen auf insgesamt 378.448 Fälle (Vorjahr 391.401). Während die Zahl der einfachen Ladendiebstähle seit 1997 nahezu kontinuierlich gesunken ist, haben schwere Ladendiebstähle in den letzten 9 Jahren drastisch zugenommen. Die angezeigten Taten haben sich in diesem Zeitraum fast verdreifacht. Bei schwerem Diebstahl handelt es sich grundsätzlich um Taten mit höherer krimineller Energie, wobei zum Beispiel Warensicherungen überwunden werden. Hinzu kommt eine deutlich spürbare Zunahme organisierter Bandenkriminalität, die zwar häufig kurz nach der Tat erkannt, aber in den seltensten Fällen als solche angezeigt werden kann.

Durch die hohe Dunkelziffer von über 98 Prozent besitzt die Statistik nur eine eingeschränkte Aussagefähigkeit. Aus dem durchschnittlichen Schaden der angezeigten Diebstähle und dem tatsächlichen Schaden im Handel ergibt sich, dass jährlich rechnerisch rund 26 Mio. Ladendiebstähle mit einem Warenwert von je 87 Euro unentdeckt bleiben!

Die Erfahrungen der Händler zeigen, dass Diebstähle immer häufiger in organisierter Form durchgeführt werden. Die Täter gehen oft in Gruppen mit gezielter Aufgabenverteilung vor. Organisierten Ladendiebstahl zu erkennen, zu dokumentieren und Täter in Gruppen zu überführen, ist für den Handel äußerst schwierig. Das Bundeskriminalamt schätzt, dass allein durch straff organisierte kaukasische Tätergruppen jährlich Waren im Wert von mindestens 250 Mio. Euro im Einzelhandel gestohlen werden. Zusammen mit anderen Diebesbanden, beispielsweise aus dem Balkanbereich, aus anderen europäischen Nachbarländern sowie aus dem nordafrikanischen Raum überwiegend fällt nach EHI-Schätzungen wertmäßig rund ein Viertel aller Ladendiebstähle auf Bandendiebstahl und organisierte Kriminalität.

Im Durchschnitt aller Branchen gibt der Handel nach wie vor etwas mehr als 0,3 Prozent vom Umsatz für Sicherheitsmaßnahmen aus. Darin enthalten sind Kosten für Artikelsicherungsmaßnahmen, Kameraüberwachung, Detektiveinsätze, Testkäufe, Schulungsmaßnahmen und sonstige Sicherheitsmaßnahmen wie zum Beispiel diebstahlhemmende Verkaufsträger oder Softwareanalysetools zur Datenauswertung. Insgesamt gibt der Einzelhandel jährlich 1,3 Mrd. Euro zur Reduzierung von Inventurdifferenzen aus. Die Gesamtaufwendungen für Inventurdifferenzen und deren Vermeidung betragen jährlich rund 5,3 Mrd. Euro.

Handel investiert weiter in Sicherheit

Die Ausweitung der Kameraüberwachung liegt weiter im Trend. Auch warenwirtschaftliche Datenanalysen sowie Bondatenanalysen haben nach wie vor hohe Priorität. Die ständige Schulung und die Sensibilisierung des Personals gelten weiterhin als wichtige Präventionsmaßnahmen. Artikelsicherungsmaßnahmen werden weiter vorangetrieben.

Das in der Selbsteinschätzung der Handelsunternehmen „akzeptable“ Niveau der Inventurdifferenzen stellt aber keinen Anlass dar, Investitionen und Aufwendungen für Präventions-, Kontroll- und Sicherheitsmaßnahmen zu vernachlässigen. Mehr als drei Viertel der Unternehmen halten 2017 ihr Budget für Präventions- und Sicherungsmaßnahmen konstant, jedes Siebte der befragten Unternehmen stockt sein Sicherheitsbudget auf.

Das Bedrohungspotenzial durch Kundendiebstahl und Mitarbeiterdelikte ist unverändert hoch, wie die Einschätzungen der Handelsunternehmen zur Kriminalitätsentwicklung im Handel belegen. Noch nie waren die Einschätzung der weiteren Zunahme von organisiertem Ladendiebstahl und die zumindest gefühlte Zunahme der Gewaltbereitschaft potenzieller Ladendiebe so hoch wie in diesem Jahr.

Besondere Herausforderungen sieht der Handel mit einem Anteil von 44 Prozent aller Nennungen in den Bereichen „gewöhnlicher“ Kundendiebstahl, in der aus Sicht des Handels unzureichenden Rechtsprechung und Strafverfolgung und in der zunehmenden Gewaltbereitschaft potenzieller Diebe.

An der aktuellen Untersuchung beteiligten sich 97 Unternehmen bzw. Vertriebsschienen mit insgesamt 23.511 Verkaufsstellen, die einen Gesamtumsatz von rund 85,6 Mrd. Euro erwirtschafteten. Die durchschnittliche Verkaufsfläche der beteiligten Geschäfte beträgt 980 qm.

Foto: Fotolia/Dan Race
Grafiken: EHI

Weitere Informationen: horst@remove-this.ehi.org