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Gewaltbereitschaft und Dreistigkeit potentieller Täter steigen (Foto: Int. Juwelier-Warndienst)
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Gewaltbereitschaft und Dreistigkeit steigen

Der Anteil so genannter „schwerer Ladendiebstähle“ ist um knapp 2,5 Prozent gestiegen, erläuterte EHI-Sicherheitsexperte Frank Horst zu Beginn der Veranstaltung. Schwer sei ein Ladendiebstahl dann, wenn das Diebesgut durch ein verschlossenes Behältnis oder eine andere Schutzvorrichtung besonders gesichert und nicht von geringem Wert ist. Horst präsentierte zudem die aktuellen Ergebnisse zur Entwicklung der Inventurdifferenzen aus der jährlich publizierten EHI-Studie „Inventurdifferenzen 2017“ und lieferte damit die Basisdaten für weitere Diskussionen und die nachfolgenden Praxisberichte.

Mehr als 100 Sicherheitsexperten des Handels und seine Dienstleistungspartner informierten sich beim EHI Inventur- und Sicherheitskongress über Neuigkeiten aus der Branche. (Foto: EHI/Schulten)
Mehr als 100 Sicherheitsexperten des Handels und seine Dienstleistungspartner informierten sich beim EHI Inventur- und Sicherheitskongress über Neuigkeiten aus der Branche. (Foto: EHI/Schulten)

Für Rolf Geckle, Leiter Koordinierungsstelle Ladendiebstahl beim Polizeipräsidium Karlsruhe, ist klar: „Die Diebe werden immer dreister“. Er warf die Frage auf, ob es der Handel den Tätern zu leicht mache und belegte dies anhand verschiedener Beispiele, bei denen Täter die Ware scheinbar mühelos in die Einkaufswagen räumten und den Laden unbemerkt durch den Eingang verließen. Mögliche Präventions-Maßnahmen für den Handel sieht er vor allen Dingen darin, die Warensicherung zu erhöhen, qualifiziertes Personal und Detektive einzusetzen. Zudem macht er auf die Wirksamkeit von Videoüberwachung aufmerksam. Der Einsatz von Kameras habe eine abschreckende Wirkung auf Täter und ermögliche dem Handel, eine Tat nachweisen und Täter ermitteln zu können.

Dass es sich für Händler lohnt, in moderne Kameratechnik zu investieren, verdeutlichten Mark Sauermann, Geschäftsführer Sicherheitsdienst Sauermann, und Rainer Weidenbach, Geschäftsführer Security Consult am Beispiel Sport Schuster. Der Händler hat in seinem Haupthaus am Marienplatz in München zuletzt einen negativen Trend bei der Entwicklung seiner Inventurdifferenzen festgestellt. Die hauseigene Videoüberwachung war veraltet, ein Hausdetektiv nur sporadisch im Haus, die Ereignissuche zeitaufwändig und interne Interventionsmaßnahmen unzureichend strukturiert. Nach vorangegangener Analyse der Situation entwickelte der Händler ein durchgängiges Sicherheitskonzept. Detektiveinsätze wurden neu geplant, an frequenzstarken Tagen kommen Doormen zum Einsatz. Zudem führte Sporthaus Schuster Schließdienste, Spät- und Mittagskontrollen sowie eine Task Force ein. In Kombination mit einem gezielteren Einsatz neuer Kameratechnik unter Verwendung von IP-Kameras kann der Händler bei kritischen Vorfällen nun sofort reagieren und eingreifen.

HD-Videoüberwachung bei der Migros

Auch Marco Corazzi, Leiter Sicherheitsdienst/Revision, Migros Genossenschaft Zürich zeigte anhand von praktischen Beispielen auf, wie das Schweizer Handelsunternehmen mittels HD-Videoüberwachung gegen Ladendiebstahl und Inventurdifferenzen vorgeht. Im Vertriebsbereich der Migros Zürich sind mittlerweile 55 Verkaufsstellen mit 110 Servern und ca. 1500 Kameras ausgerüstet – alle mit Aufzeichnung vor Ort und im Fernzugriff der Zentrale Zürich. Bestehende Analog-Kameras wurden integriert. Im Fokus stehen Kassenzonen inkl. der Self Check-Outs, Ein- und -ausgänge für die Kunden sowie der Bereich des Kundendienstes. Aber auch bestimmte Abteilungen werden dort überwacht. In Zukunft möchte die Migros Bilder des Videoüberwachungssystems auch mit verdächtigen Kassen-Transaktionen zusammenführen. Geplant sind außerdem die Parkraumbewirtschaftung mit Kennzeichen-Erkennung sowie testweise die Erkennung von registrierten Gesichtern.

Ein entscheidender Faktor bei der Verhinderung von Ladendiebstahl sind die Mitarbeiterinnen eines Standorts. Die Bünting Gruppe, zu denen die famila-SB-Warenhäuser sowie die Combi- und Jibi-Verbrauchermärkte zählen, führt bei sich regelmäßig Testkäufe zur Schulung des Personals durch. Ziel der vier verschiedenen Testkauf-Varianten mit den Schwerpunkten „Aufmerksamkeit“, „Manipulation“, „Ehrlichkeit“ oder „Mystery Shopping“ ist es, das Verlustrisiko durch im Einkaufswagen verbleibende Waren zu reduzieren. Besonders die Kassenkräfte werden durch Einsatz eines Testkäufers mit verschiedenen Vorgehensweisen eines Ladendiebs konfrontiert und auf ihre Aufmerksamkeit und Reaktionsweise hin geprüft, schildert Marcus Jonashoff, Bereichsleiter Kfm. Dienstleistung bei der Nord-West Dienstleistung. Erfolg erzielte das Handelsunternehmen durch die Optimierung technischer Hilfestellungen, zum Beispiel durch Einführung gut einsehbarer Kassentische sowie die Kontrolle und Schulung ihres Personals. Ziel der Testkäufe sei es auch, Kassenkräften die Unsicherheit im Umgang mit den Kunden zu nehmen.

Shopping Center: Keine Sicherheitsstandard

Während Einzelhändler verstärkt ihre Sicherheitskonzepte optimieren, existierten für mehr als 100.000 Shopping Center keine allgemeingültigen übergreifenden Risiko- und Sicherheitsstandards, so Robert Kilian, Certified Fraud Examiner und Gesellschafter der Deutschen Risikoberatung. Die letzten Monate hätten gezeigt, dass Shopping Center als „weiches Ziel“ verstärkt in den Fokus von Attentätern rücken. Mieter forderten auch hier eine sichere Einkaufsumgebung für ihre Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten und Service Partner ein. Um operative Risiken des Geschäftsfeldes eines Shopping Centers aus unterschiedlichen Gesichtspunkten beurteilen zu können, sollten Einkaufszentren über die Einführung eines Sicherheitsstandards nachdenken, der den Umgang mit Terroranschlägen regelt und Vorbereitungsmaßnahmen manifestiert. Wichtigster Aspekt sei ein Management Agreement, das ein Risiko-, Besucher-, Pächter, Safety und Security-, ein Krisen- und Business Continuity-Management und den Schutz des Eigentums beinhaltet.

Reger Austausch in den Pausen. (Foto: EHI/Schulten)
Reger Austausch in den Pausen. (Foto: EHI/Schulten)

Nicht nur der stationäre Handel, sondern auch Onlinehändler sind von Betrügereien betroffen. Sebastian Schulz, Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V., gab einen Überblick über die „dunklen Seiten“ des Onlinehandels: Die Anonymität im Netz eröffnet vielfältige Betrugsmöglichkeiten für den Waren- oder Zahlungsbetrug. Identitätsmissbrauch, Paketstationen, Warenagenten, gefälschte Adressen und Kreditkartenmissbrauch bieten Angriffsfelder, bei denen Händler oft Ware ohne Bezahlung verlieren. Auch „Wardrobing“ ist bei bestimmten Produkten verbreitet. Scoringmethoden und die Einschränkung der Zahlungsvarianten können präventiv wirksam sein, aber am Ende ist es oft eine Frage der unternehmensinternen Abwägung zwischen Kundenfreundlichkeit, Vertriebsinteressen und Sicherheit.

Schwachpunkt Mensch: Social Engineering

Auch wenn sich Unternehmen mit hohem technischem Aufwand gegen externe Angriffe ausrüsten – Schwachpunkt ist und bleibt der Mensch, erklärt Thomas Kraus, Dozent für „Social Engineering“, in seinem Vortrag. Als „Social Engineering“ bezeichne man „Angriffe, die nicht auf einen Computer, sondern dessen Benutzer gerichtet sind“, so Kraus. Ziel solcher Angriffe sei es, zum Beispiel per Mail, am Telefon, in der Kneipe, im Urlaub oder durch einen Besuch in der Firma Login-Daten oder Passwörter auszuspähen. Über die ausgespähten Passwörter versuchten die Angreifer an Forschungsergebnisse, Entwicklungen, Kundendaten oder Kalkulationen zu kommen, erläutert Kraus. Häufig seien es Wettbewerber, die sich mit dem Wissen Anderer einen großen Wettbewerbsvorsprung verschaffen wollen. Die Auftraggeber der Angreifer seien meist europäische, asiatische oder russische Firmen und deren Nachrichtendienste. Kraus empfiehlt Unternehmen, durch Schulung der Mitarbeiter, Vorbilder und ein motivierendes Umfeld die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass nicht nur die Technik, sondern der sogenannte menschliche Schutzwall weniger durchlässig wird. Besonders die „innovativen Mittelständler mit High-Tech-Produkten“ seien vom Social Engineering gefährdet.  

Experten unter sich (Foto: EHI/Schulten)
Experten unter sich (Foto: EHI/Schulten)

Ein weiteres Kongressthema war die automatisierte Durchführung von Inventuren. Die Adler Modemärkte AG setzt seit Ende 2015 den RFID-Inventur-Roboter „Tory“ ein, zunächst nur in Erfurt, seit 2016 auch in Limburg, Rüsselsheim und Mutterstadt sowie seit diesem Jahr in Haibach. Der Roboter liefert täglich neben den Bestandsaufnahmen auch die Position der Tags. Dafür fährt er selbständig durch den Verkaufsraum und scannt die Transponder an den Artikeln. Ziel ist es, die Bestandsgenauigkeit und Transparenz der Warenströme für das textile Sortiment zu erhöhen.  

Der Einsatz der RFID-Technologie im textilen Einzelhandel nimmt stetig zu. Auch die klassische Stichtagsinventur wurde bereits von einigen Händlern durch eine RFID-Inventur substituiert. Jedoch hat hier jedes Unternehmen ein eigenes, mit dem zuständigen Wirtschaftsprüfer individuell abgestimmtes Verfahren festgelegt. EHI, KPMG und der Consulting-Spezialist Tailorit setzen sich gemeinsam für ein einheitliches Verfahren als Prozess- und Prüfungsstandard ein, welches die steuerliche und handelsrechtliche Anerkennung der RFID-Inventur zum Ziel hat.

Weitere Themen waren die Wartung- und Instandhaltung sicherheitstechnischer Anlagen und die Auswirkungen der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung.

Der nächste EHI Inventur- und Sicherheitskongress wird am 19. und 20. Juni 2018 erneut mit Begleitausstellung in Köln stattfinden.

Fotos (4): Int. Juwelier-Warndienst (1), EHI/Schulten (3)

Weitere Informationen: www.ehi-sicherheitskongress.de