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Im Jahresvergleich 2017 zu 2016 sind die durchschnittlichen Inventurdifferenzen in Prozent vom Umsatz konstant geblieben. (Foto: Fotolia/StefanieB.)
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Offenere Verkaufsflächen bergen neue Risiken

Im Jahresvergleich 2017 zu 2016 sind die durchschnittlichen Inventurdifferenzen in Prozent vom Umsatz konstant geblieben. In branchengewichteter Hochrechnung für den gesamten deutschen Einzelhandel sind die Inventurverluste jedoch von 4 Mrd. auf 4,1 Mrd. Euro absolut leicht angestiegen, da der Einzelhandelsumsatz in 2017 höher war als in 2016. Der Anteil der Verluste durch Diebstähle verursacht durch Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten und Servicekräfte beträgt insgesamt 3,5 Mrd. Euro. Der daraus resultierende volkswirtschaftliche Schaden durch Mehrwertsteuerausfälle beläuft sich auf rd. 475 Mio. Euro für das Jahr 2017.

Bezogen auf die Vergleichswerte von 2016 haben sich die Inventurergebnisse in Prozentpunkten betrachtet nicht verändert. Nach wie vor schmälert eine durchschnittliche Inventurdifferenz von 0,61 Prozent – bewertet zu Einkaufspreisen in Prozent vom Nettoumsatz – die Renditen im Einzelhandel. Bewertet zu Verkaufspreisen in Relation zum Bruttoumsatz entspricht dies in branchengewichteter Hochrechnung einem Wert von durchschnittlich 0,98 Prozent des Umsatzes. Ferner investiert der Handel jährlich rund 1,35 Mrd. Euro in Präventions- und Sicherungsmaßnahmen, um seine Waren vor Diebstahl zu schützen. Insgesamt gehen dem Handel damit durch Inventurdifferenzen und Investitionen in Sicherheitsmaßnahmen rund 1,3 Prozent des Umsatzes verloren.

Im gesamten Einzelhandel summieren sich auf Basis eines stationären Einzelhandelsumsatzes von 420 Mrd. Euro pro Jahr in Deutschland die zu Verkaufspreisen bewerteten Inventurdifferenzen auf 4,1 Mrd. Euro. Nach Einschätzung der Handelsexperten sind auf Ladendiebstähle durch Kunden rund 2,28 Mrd. Euro zurückzuführen. Statistisch gesehen bedient sich jeder Bundesbürger jährlich an Waren im Wert von 28 Euro im Einzelhandel, ohne zu bezahlen. Auf den Lebensmittelhandel projiziert bedeutet dies, dass nach wie vor rund jeder 200. Einkaufswagen unbezahlt die Kasse passiert.

Den eigenen Mitarbeitern werden Verluste in Höhe von 850 Mio. Euro angelastet, und sowohl Lieferanten als auch Servicekräften werden 320 Mio. Euro an Warenverlusten im Jahr zugerechnet.

Bei rund 2,5 Mio. Beschäftigten im Einzelhandel beträgt der „durchschnittliche statistische Schaden“ pro Mitarbeiter rund 340 Euro im Jahr. Daran lässt sich leicht erkennen, dass einzelne unehrliche Mitarbeiter enorme Schäden verursachen, während bei Kundendiebstählen die Häufigkeit der Taten zum deutlich höheren Gesamtschaden führt. Ein weiterer Posten der Inventurdifferenzen, nämlich 660 Mio. Euro entsteht durch organisatorische Mängel wie zum Beispiel fehlerhafte Preisauszeichnungen.

Branchenentwicklungen

Obwohl ein direkter Vergleich von Inventurdifferenzen verschiedener Unternehmen nur bedingt möglich und sinnvoll ist, können die folgenden Mittelwerte als Orientierung angegeben werden. Der überwiegenden betrieblichen Praxis folgend wurden die Erhebungen – bewertet zu Nettoeinkaufspreisen in Relation zum Nettoumsatz (= Bruttoumsatz ohne Mehrwertsteuer) – erfasst. In nahezu allen Betriebsformen zeigt sich jedoch, dassdie prozentualen Angaben vom Nettoumsatz großen Bandbreiten unterliegen.

Während sich die Inventurdifferenzen im Lebensmittelhandel, aktuell 0,57 Prozent, durchweg positiv entwickelt haben, sind in anderen Branchen etwas höhere durchschnittliche Inventurverluste festgestellt worden.

Schwere Ladendiebstähle haben stark zugenommen.
Frank Horst
Leiter Forschungsbereich Inventurdifferenzen + Sicherheit EHI Retail Institute

Drogeriemärkte weisen mit durchschnittlich 0,82 Prozent im Vergleich zum Vorjahr leicht erhöhte Inventurergebnisse aus, die sich in den einzelnen Unternehmen unterschiedlich stark verändert haben. Auch die beteiligten Baumarktunternehmen haben überwiegend schlechtere Inventurdifferenzen feststellen müssen, was sich in einer Steigerung des Branchendurchschnittswertes von 0,72 Prozent auf 0,75 Prozent im Jahr 2017 niederschlägt.

Im gesamten Bekleidungshandel sind die durchschnittlichen Inventurdifferenzen durchgängig leicht gestiegen auf 0,54 Prozent im Jahr 2017. Lediglich die Bekleidungsfachgeschäfte (0,55 %) konnten durchschnittlich leichte Verbesserungen erzielen, während Textilkaufhäuser einschließlich der Warenhausbetreiber (0,49 %) auf Vorjahresniveau blieben. Textilfachmärkte (0,48 %) und Schuhfachgeschäfte (0,66 %) mussten höhere Differenzen hinnehmen. Die durchschnittlichen Inventurdifferenzen der beteiligten Möbelhäuser unterschiedlichster Sortimentsausrichtung sind mit 0,31 Prozent vom Nettoumsatz gegenüber dem Vorjahr nahezu unverändert geblieben.

Weniger Ladendiebstahlsanzeigen

2017 sind die angezeigten Ladendiebstähle laut polizeilicher Kriminalstatistik um 6,6 Prozent zurückgegangen auf insgesamt 353.384Fälle (Vorjahr 378.448). Während die Zahl der einfachen Ladendiebstähle seit 1997 nahezu kontinuierlich gesunken ist, haben schwere Ladendiebstähle in den letzten 10 Jahren um das Zweieinhalbfache zugenommen. Bei schwerem Diebstahl handelt es sich grundsätzlich um Taten mit höherer krimineller Energie, weil zum Beispiel Warensicherungen überwunden werden.

Hinzu kommt eine deutlich spürbare Zunahme von organisierter Bandenkriminalität, die zwar häufig kurz nach der Tat erkannt, aber in den seltensten Fällen als solche angezeigt werden kann. Durch die hohe Dunkelziffer von über 98 Prozent besitzt die Statistik aber nur eine eingeschränkte Aussagefähigkeit. Aus dem durchschnittlichen Schaden aller angezeigten Diebstähle und dem tatsächlichen Schaden im Handel ergibt sich, dass jährlich rechnerisch rund 23 Mio. Ladendiebstähle mit je einem Warenwert von 100 Euro unentdeckt bleiben.

Die Erfahrungen der Händler zeigen, dass Diebstähle immer häufiger in organisierter Form durchgeführt werden. Die Täter gehen oft in Gruppen mit gezielter Aufgabenverteilung vor. Nach EHI-Schätzungen sind mittlerweile wertmäßig rund ein Viertel aller Ladendiebstähle Bandendiebstählen und der organisierten Kriminalität zuzurechnen.

Im Durchschnitt aller Branchen gibt der Handel nach wie vor 0,32 Prozent vom Umsatz für Sicherheitsmaßnahmen aus. Darin enthalten sind Kosten für Artikelsicherungsmaßnahmen, Kameraüberwachung, Detektiveinsätze, Testkäufe, Schulungsmaßnahmen und sonstige Sicherheitsmaßnahmen wie etwa diebstahlhemmende Verkaufsträgeroder Softwareanalysetools zur Datenauswertung. Insgesamt gibt der Einzelhandel jährlich 1,35 Mrd. Euro zur Reduzierung von Inventurdifferenzen aus. Die Gesamtaufwendungen zum Thema Inventurdifferenzen und deren Vermeidung betragen damit jährlich fast 5,5 Mrd. Euro. Darin jedoch nicht enthalten sind interne Personalkosten etwa für Revisionsabteilungen oder Loss-Prevention- Departments sowie alle intern anfallenden Tätigkeiten, die durch Diebstahlgefährdung verursacht werden wie etwa die Anbringung und Deaktivierung/Entsicherung von Warensicherungen, Bestandskontrollen, interne Schulungen, Datenanalysen, Kamerabeobachtungen, Diebstahlanzeigen etc.

Veränderungen im stationären Handel begünstigen oft den Ladendiebstahl. Insbesondere durch verlängerte Öffnungszeiten bei geringer Personalpräsenz bieten sich mehr Diebstahlmöglichkeiten. Auch der verstärkte technische Sicherheitsaufwand kann dies nur zum Teil kompensieren. Um der Online-Konkurrenz zu begegnen, macht der stationäre Handel seine Geschäfte attraktiver, zum Beispiel durch offene Ein- und Ausgangsbereiche, durch den Verzicht auf Kundenführung, durch die Hinzunahme gastronomischer Konzepte sowie durch Self-Checkout-Lösungen. Dies alles sind Entwicklungen, die die Geschlossenheit von Verkaufsflächen auflö-sen und somit zusätzliche Tatgelegenheiten eröffnen. Diesen Herausforderungen wird sich der stationäre Handel auch zukünftig – personell und technisch – stellen müssen, um den Warenschwund zu begrenzen.

Neue Risiken

Die Ausweitung und Modernisierung von Kamerasystemen liegt aktuell weiter im Trend. Auch warenwirtschaftliche Datenanalysen zur Erkennung von diebstahlgefährdeten Artikeln und internen Schwachstellen haben nach wie vor hohe Priorität. Die wiederholte Schulung und die Sensibilisierung des Personals gelten weiterhin als wichtige Präventionsmaßnahmen. Artikelsicherungsmaßnahmen, primär in Form von elektronischer Warensicherung oder mechanischer Sicherung, aber auch der Einsatz von diebstahlhemmenden Verkaufsträgern werden ebenso weiter forciert.

Obwohl die Mehrheit der Händler ihr Inventurdifferenz-Niveau als akzeptabel einschätzt, werden Investitionen und Aufwendungen für Präventions-, Kontroll- und Sicherheitsmaßnahmen nicht vernachlässigt. Rund drei Viertel der Unternehmen halten 2018 ihr Budget für Präventions- und Sicherungsmaßnahmen konstant, jedes Fünfte der befragten Unternehmen stockt sein Sicherheitsbudget auf.

An der aktuellen Untersuchung beteiligten sich 101 Unternehmen bzw. Vertriebsschienen mit insgesamt 20.396 Verkaufsstellen, die einen Gesamtumsatz von rund 84,2 Mrd. Euro erwirtschafteten.

Foto: Fotolia/StefanieB.
Grafiken (3): EHI

Weitere Informationen: Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-Mailhorst@remove-this.ehi.org

EHI-Studie: Inventurdifferenzen 2018

Die EHI-Studie ermittelt jährlich die durchschnittlichen Inventurdifferenzen – bewertet zu Einkaufspreisen in Relation zum Nettoumsatz – im deutschen Einzelhandel.

ISBN 978-3-87257-502-9
Preis: 465,00 € zzgl. MwSt. und Versand
Mehr Infos unter:www.ehi-shop.de
E-Mail: vertrieb@remove-this.ehi.org
Tel.: + 49 221 57993-64