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Edeka-Box zur Selbstabholung online bestellter Ware mit unterschiedlichen
Temperaturzonen am E-Center Gaimersheim. (Foto: Edeka Südbayern)
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Innovationen für die letzte Meile

38 Kurier-Express-Paketdienstsendungen erhielt jeder Deutsche im Jahr 2016, das ermittelte der Bundesverband Paket und Expresslogistik (BIEK). Damit nimmt die Haus- bzw. Adresszustellung der Erhebung zufolge mit einem Anteil von fast 90 Prozent eine überragende Bedeutung innerhalb der Zustellkonzepte ein. Daneben spielt lediglich die Abholung in Paketshops mit einem Anteil von etwa 10 Prozent noch eine gewisse Rolle.

Hermes testet derzeit mit Volkswagen die Auslieferung mit „e-Crafter“-Elektro-Vans in Hannover und Frankfurt. (Foto: Hermes)
Hermes testet derzeit mit Volkswagen die Auslieferung mit „e-Crafter“-Elektro-Vans in Hannover und Frankfurt. (Foto: Hermes)

Wie sieht vor diesem Hintergrund die Paketzustellung der Zukunft auf der „letzten Meile“ aus? Einig sind sich die Dienstleister, dass Elektromobilität angesichts der derzeitigen Schadstoffbelastung in vielen Städte und der damit einhergehenden möglichen Fahrverbote zum wichtigen Thema wird. Als Vorreiter gilt die Deutsche Post, die seit 2014 den „Streetscooter“ ihres gleichnamigen Tochterunternehmens als Auslieferungsfahrzeug einsetzt. Seit Mai dieses Jahres wird eine zweite Produktionsstätte betrieben, um das Fahrzeug auch an externe Interessenten wie Kommunen oder Handwerksbetriebe zu vertreiben. Nach Angaben des Konzerns ist das Interesse enorm.

Hermes testet derzeit im Rahmen einer befristeten Kooperation mit Volkswagen Elektrotransporter in Hannover und Frankfurt. Das Unternehmen will bis 2025 die Zustellungen in 80 deutschen Großstädten emissionsfrei durchführen. Dass man auch in anderen Ländern das Thema Umweltschutz im Blick hat und mit entsprechenden Maßnahmen reagiert, zeigt eine aktuelle Meldung aus China. Dort setzt der führende Einzelhändler „jd.com“ neuerdings im Großraum Shanghai mit Wasserstoff betriebene Auslieferfahrzeuge ein. Diese sollen nur 3 Minuten zum Auftanken benötigen, pro Tankfüllung bis zu 300 km fahren und bis zu 3,5 Tonnen Nutzlast transportieren können. Die Emissionen bestehen lediglich aus aufbereitetem Wasser.

Elektro-Vans

Einen ähnlichen Weg gehen Amazon und Mercedes-Benz. Der Fahrzeug-Hersteller wird dem Online-Händler bis Ende 2018 knapp 100 Elektro-Vans für die Paketzustellung zur Verfügung stellen. Im Bochumer Logistikzentrum wird außerdem ein so genanntes „Base Camp“ errichtet, in dem innerhalb von 30 Sekunden Bilder über den Zustand der Fahrzeuge auflaufen, die zuvor mit digitalen Scannern erstellt wurden.

Überhaupt arbeitet Amazon an einer Vielzahl von futuristischen bis alltagstauglichen Lösungen, bei denen es zum Teil fraglich ist, ob sie jemals zum Einsatz kommen werden. Dazu zählen Container als Unterwasserlager, aus denen Waren bedarfsweise an Land gezogen werden können, Drohnen-Türme in amerikanischen Innenstädten, von denen aus die Fluggeräte hunderttausende Pakete ausliefern sollen oder Zeppelin- ähnliche fliegende Zwischenlager für den gleichen Einsatzzweck. Das Unternehmen hat in diesem Bereich bereits mehrere hundert Patente angemeldet.

Die Deutsche Post ist Pionier der Elektromobilität mit dem „Streetscooter“, den ein Tochterunternehmen selbst produziert. (Foto: Deutsche Post)
Die Deutsche Post ist Pionier der Elektromobilität mit dem „Streetscooter“, den ein Tochterunternehmen selbst produziert. (Foto: Deutsche Post)

Der Online-Riese Alibaba beschäftigt sich ebenfalls intensiv mit der Organisation der „letzten Meile“ und will bis 2021 10.000 autonom rollende Lieferboxen für Pakete und Lebensmittel einsetzen. Mithilfe der 3D-Wahrnehmung soll das Fahrzeug seine Umwelt erkennen können, zum Beispiel Formen, Entfernung, Fahrgeschwindigkeit sowie die Richtung von Fußgängern, Autos, Lkws und sonstigen „Hindernissen“. Die Anschaffungskosten sollen lediglich einige hundert US-Dollar pro Stück betragen.

Im Juni kursierte im Web die Meldung, dass das kalifornische Start-up Robomart einen mobilen Lebensmittelladen entwickelt, der die Produkte in einem fahrerlosen, automatisierten Lieferfahrzeug zum Kunden bringt. Per App ruft der Kunde das sich ihm am nächsten befindende Robomart-Fahrzeug an. Nach dessen Ankunft kann er die Einheit entsperren und sich aus dem Angebot des mobilen Ladens bedienen. Beim Schließen des Fahrzeugs wird der Wert der entnommenen Ware automatisch berechnet und das Kundenkonto entsprechend belastet.

Abholboxen

Dass der Online-Vertrieb von Lebensmitteln in Deutschland bislang auf einem niedrigen Niveau bleibt, hält etliche Händler nicht davon ab, den Online-Vertriebsweg praktisch zu testen. Rewe und Bringmeister, aber auch die bundesweit agierenden Mitbewerber wie allyouneedfresh. de, mytime.de oder lebensmittel.de liefern an die Haustür, während Edeka Südbayern an drei Standorten im Raum Ingolstadt sogenannte Edeka-Boxen für die Selbstabholung einsetzt. Diese verfügen über verschiedene Temperaturzonen, sodass ungekühlte Artikel auch in Kombination mit Kühl- und Tiefkühlprodukten mitgenommen werden können.

Dachser liefert im spanischen Malaga mit dem kleinen Elektromobil „El Carrito“ aus. (Foto: Dachser)
Dachser liefert im spanischen Malaga mit dem kleinen Elektromobil „El Carrito“ aus. (Foto: Dachser)

Das typische Problem bei der Haustüranlieferung: Der Kunde hat keine Zeit, auf den Lieferdienst zu warten. Ein viel diskutierter Lösungsansatz besteht daher in der Entkoppelung der Lieferung von der Anwesenheit des Empfängers. Einen Lösungsansatz testet die Edeka- Tochter Bringmeister in Berlin in Verbindung mit dem Service Cary, der zur digitalen Unternehmenssparte des Heizungsherstellers Viessmann gehört: Über einen Smart-Lock wird dem Fahrer ein zeitlich begrenzter Zutritt zur Wohnung des Kunden ermöglicht, wodurch Frische- und Kühlartikel direkt im Kühlschrank deponiert werden können. Bei einem vergleichbaren Projekt von Walmart in Kalifornien kann der Kunde den Vorgang, sobald der Lieferant die Wohnung betritt, über eine mit einer App verbundene Kamera in seiner Wohnung extern mitverfolgen.

Alternativ, wenngleich nicht für Kühlkost einsetzbar, bietet sich der Einsatz von Paketkästen im Eingangsbereich von Ein-, Zwei- oder Mehrfamilienhäusern an, wo diese ähnlich wie eine DHLPackstation aussehen und funktionieren könnten. Die Nutzer müssen sich zunächst registrieren lassen und erhalten einen elektronischen Schlüssel. Geöffnet werden können die Kästen zum Beispiel über einen RFID-Chip oder einen Handscanner. Zur Akzeptanzsteigerung würde sicherlich die Einigung aller Kurier-Express-Paket-Dienstleister auf die Nutzung eines gemeinsamen Paketkastens, wie zum Beispiel das „Parcel Lock“-System, beitragen.

In den Kofferraum

In die gleiche Richtung geht die Zustellung der Ware in den Kofferraum von Autos. Der Fahrzeuginhaber muss zunächst eine Einwilligung zur Ortung seines Fahrzeugs für den Zeitraum der Lieferung abgeben. Anschließend erhält der Fahrer des Dienstleisters für einen festgelegten Zeitraum eine digitale Zugangsberechtigung zum Kofferraum, die in dem Augenblick erlischt, in dem er den Kofferraumdeckel wieder schließt. Auch umgekehrt das Versenden von Paketen aus dem eigenen Auto heraus oder eine Auto-zu-Auto- Lieferung könnte nach einem ähnlichen Verfahren funktionieren. Dieses Konzept befindet sich zurzeit noch in der Testphase, zum Beispiel bei DHL in Kooperation mit Autoherstellern.

Das deutsche Projekt Cargo Cap ist ein Ansatz, den Lieferverkehr automatisch durch unterirdische Tunnelröhren fahren zu lassen, hier der Aufbau. (Foto: Foto: CargoCap)
Das deutsche Projekt Cargo Cap ist ein Ansatz, den Lieferverkehr automatisch durch unterirdische Tunnelröhren fahren zu lassen, hier der Aufbau. (Foto: Foto: CargoCap)

Gerade im Innenstadtbereich ist die Zustellung von Bestellungen an die Endkunden schwierig. Das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation führt mit zwei weiteren Partnern zurzeit einen Feldversuch in einem Stuttgarter Parkhaus durch, bei dem flexibel Parkflächen je nach Auslastung des Parkhauses für die Zwischenlagerung vor der Feinverteilung an Endkunden genutzt werden können. Dies soll helfen, Verkehr zu reduzieren, Flächen effizienter zu nutzen und somit auch Kosten zu sparen. In dem „Park_up“ genannten Projekt kann der Logistiker über eine App eine definierte Fläche reservieren. Diese wird mit digitalen Displays entsprechend markiert. Der Nutzer erhält eine transponderbestückte Parkkarte zur Identifizierung. Für die Feinverteilung übernimmt das Start-up-Unternehmen Velo Carrier anschließend die Ware und liefert sie mit Lastenrädern an die Endkunden aus. Umgekehrt können auch Retouren eingesammelt und nach einer Zwischenlagerung im Parkhaus als City-Hub anschließend gebündelt abgeholt werden.

Überhaupt trägt die Koordination und Bündelung von Transporten erheblich zur Senkung der Kosten bei, wie am Beispiel von regionalen Internetkaufhäusern festzustellen ist. Der Dienstleister Lokaso übernimmt u. a. in Siegen mit einem eigenen Fuhrpark für eine Reihe von lokalen Einzelhändlern die koordinierte Auslieferung an die Endkunden. Dabei sollen sich die Fahrer bewusst Zeit für ein eventuell entstehendes Kundengespräch nehmen, übernehmen somit auch eine Vertriebsfunktion.

Dezentrale Zwischenlager

Der Logistik-Dienstleister Dachser hat auf internationaler Ebene eine „Tool- Box“ von innovativen Lösungen entwickelt, die je nach Region passgenau von den einzelnen Niederlassungen vor Ort implementiert werden können. In Malaga in Spanien ist „El Carrito“, ein kleines Elektromobil, in Verbindung mit einem Micro-Hub in der Innenstadt im Einsatz, in Paris testet das Unternehmen elektro- und gasgetriebene Lkw, und in Stuttgart ist seit Juli ein emissionsfreies Liefergebiet eingerichtet, in dem Dachser einen definierten Bereich der City ausschließlich mit elektrisch angetriebenen Fahrzeugen beliefert. In Stuttgart, Tübingen und bald auch Freiburg fahren elektrisch unterstützte Lastenräder, die mit einem von Dachser mitentwickelten Wechselbrückenbehälter ausgerüstet sind.

Das automatische unterirdische Belieferungssystem Cargo Sous Terrain aus der Schweiz ist am weitesten vorangeschritten. (Foto: Cargo Sous Terrain)
Das automatische unterirdische Belieferungssystem Cargo Sous Terrain aus der Schweiz ist am weitesten vorangeschritten. (Foto: Cargo Sous Terrain)

Die gleiche Art von Lastenrädern verwendet in einem aktuellen Pilotprojekt der KEP-Dienstleister UPS in Frankfurt, Hamburg und München. Dabei werden „Microdepots“, mit Paketen befüllte Wechselbehälter, an zentralen Standorten zwischengelagert, um die Bestellungen mit elektrisch unterstützten Cargo- Bikes oder zu Fuß per Sackkarre an den Kunden zu bringen. Auf dem Rückweg können von den Kunden aufgegebene Sendungen gleich mitgenommen und in den Depots zur weiteren Abholung zwischengelagert werden.

Dienstleistungen, die den umgekehrten Warenweg – also vom Endkunden zurück – betreffen, stehen seltener im medialen Rampenlicht. Doch auch hierauf haben sich einige Start-ups wie Packator in Deutschland oder Cubyn und Weengs in Großbritannien spezialisiert. Der Kunde meldet online die zu versendende Ware an, während der Dienstleister anschließend Abholung, das Verpacken und den Versand übernimmt.

Sammeldepots

Als geeignete Zwischen-Depots, ob in die eine oder andere Richtung, können in Zukunft sicherlich auch leerstehende Einzelhandelsflächen in Betracht gezogen werden, wie bereits von Amazon in einer ehemaligen Pro Markt-Filiale am Berliner Ku’damm praktiziert. Dort wird der Lieferservice „Prime Now“ angeboten, der eine besonders schnelle Lieferung innerhalb eines Zwei-Stunden- Zeitfensters verspricht.

Das vom Fraunhofer IML mit Unterstützung diverser Handelsunternehmen entwickelte Projekt „Urban Retail Logistics“ wurde bis jetzt noch nicht in den Rollout überführt. Es sieht die Einrichtung eines Innenstadt-nahen Sammeldepots für verschiedene Lebensmittelhändler vor, von dem aus die Verkaufsstellen mit Elektrofahrzeugen in Verbindung mit speziell dafür entwickelten Wechselbehältern beliefert werden sollen. Den zu erwartenden Einsparungen bei den Lieferfahrzeugen stehen nach Aussage der Projektverantwortlichen höhere Lieferkosten infolge eines zusätzlichen Umschlagprozesses gegenüber. Voraussetzung für einen erfolgreichen Betrieb ist neben der Bereitschaft des Handels zur Teilnahme auch die Bereitstellung von geeigneten Standorten durch die Kommunalpolitik.

Darüber hinaus gibt es verschiedene Ansätze, den Lieferverkehr von der Straße oder Fußgängerzone in unterirdische Tunnelröhren zu verlegen, darunter von Mole Solutions aus Großbritannien oder Cargo Cap aus Deutschland. Dieses Konzept ist allerdings als eine langfristige Lösung zu betrachten, die einen erheblichen Investitions- und Konstruktionsaufwand inklusive behördlicher Genehmigungen erfordert. Selbst für das in die gleiche Richtung gehende Schweizer Projekt „Cargo Sous Terrain“, das am weitesten vorangeschritten ist, wird eine erste Teststrecke im Schweizer Mittelland voraussichtlich erst 2030 fertiggestellt sein.

Fotos (6): Edeka Südbayern, Hermes, Deutsche Post, Dachser, CargoCap, Cargo Sous Terrain

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